Zuhause

Zuhause   

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Wie stellen sich die Menschen, die uns am nächsten stehen, ihr Zuhause vor? Und wie nehmen sie diese Vorstellung wahr? Wir haben im Freundeskreis, in der Stadt und in unseren Familien nachgefragt, was der Begriff auslöst und in der Quintessenz Ähnliches gefunden: das Zuhause in unseren Köpfen ist ein Ort der Geborgenheit und Sicherheit. Ein Ort, an dem man sich nicht verstellen muss, und sich zurückziehen und gehenlassen kann.

Doch wo jeder dieses Grundgefühl von Zuhause findet, darauf gibt es keine klare Antwort und keine Anleitung, sondern nur viele sehnsüchtige Utopien. Utopien deshalb, weil diese Orte in den Beschreibungen mehr wie Wünsche klingen, als nach dem wirklichen Zuhause als Ort, an dem die gesamte Bandbreite des Menschen zum Tragen kommt. Ist unsere persönliche Idee von Zuhause das Verlangen nach dem verlorenen Paradies, so schön wie unerreichbar?

Sandra

Was einen Menschen wirklich ausmacht, zeigt sich, wenn du ihn von seinem ganzen Besitz trennst und ihn nach langer Zeit gemeinsam mit all seinen Habseligkeiten (in Kisten verpackt) in einen Raum stellst. Was sucht Mensch sich als Allererstes hervor?

Franz Kafka

aus Heimkehr: Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?

Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an die Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Nina

Zu Hause fühle ich mich, wenn ich Rückzug und Weite in enger Verbundenheit erleben kann.

John Lennon

aus Imagine: Penny Lane ist nicht nur eine Strasse, sondern auch das Viertel, in dem ich bis zu meinem fünften Lebensjahr mit Mutter und Vater gewohnt habe. Nur bekam meine Mutter das Leben nicht in den Griff. Der Mann brannte ihr durch und fuhr zur See. Ausserdem war Krieg. Sie wurde nicht mit mir fertig, und schliesslich kam ich zu ihrer älteren Schwester.

Mein Tantchen besass eine Doppelhaushälfte mit einem kleinen Garten. In der Nachbarschaft wohnten Ärzte, Anwälte und so ähnliche Leute- es war also keine arme Slumgegend, wie immer wieder behauptet wurde. Ich war ein netter, adretter Vorstadtjunge. In der gesellschaftlichen Hierarchie stand ich eine Sprosse über Paul, George und Ringo, die in staatlichen Sozialwohnungen aufwuchsen. Wir besassen ein eigenes Haus und einen eigenen Garten. So etwas hatten sie nicht. Verglichen mit ihnen war ich fast ein feiner Pinkel.

Linda

Zuhause fühle ich mich, wenn...
...ich bin. Bin. Bei mir. Wo ich in mir Ruhe und mich mit mir im Einklang finde. Wo ich im Moment bin und die Umgebung mit all ihren Facetten wahrnehme. Rieche, fühle, höre, sehe.

Bin ich nicht bei mir, kann ich nicht zuhause sein. Dann ist mein Heim nicht mein Heim, meine Stadt nicht meine Stadt, mein Land nicht mein Land. Zuhause ist da, wo Beziehungen gelebt und Erinnerungen geboren werden, da, wo Emotionen ein- und ausgehen und Gewohnheiten sich einnisten. Zuhause ist wie ein Netz, gewoben aus vielen Fragmenten, festgemacht an Vertrauen und Liebe. Hier hinein kann ich mich fallen lassen, wenn mir die Welt da draussen zu hektisch wird. Zuhause heisst Raum für Geborgenheit, Träume, Gedanken und Reflexion. Für Leidenschaft. Und Kreativität. Zuhause zu sein bedeutet ein stabiles Fundament zu haben, um die Erdbeben des Lebens auszubalancieren.

Homegate

Home is any four walls that enclose the right person.

Nina

Drin an der Wärme und in Geborgenheit- der Blick schweift durch das hohe Fenster und sucht sich einen passenden Punkt in der nahen Natur.

Maria

Wäre Zügle ein Sport, wäre ich Iron-Man-Triathletin. In den letzten 25 Jahren habe ich bestimmt schon 15 Mal ganz von vorne angefangen. Allein während einer kreativen Auszeit in Paris waren es in fünf Monaten sieben Umzüge. Mit 70 Kilogramm Gepäck und ohne Auto. Tönt nach Flucht? Oder doch eher nach Suche? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Der Akt des Zelteaufbauens und wieder Abbauens hat etwas Unmittelbares. Ich entscheide mich, im Jetzt und Hier zu leben und gestalte  es immer wieder neu. Indem ich nicht verharre, halte ich auch nicht fest an Vergangenem, lasse los. Als ich während vier Monaten Asien und Australien bereiste, reichte mir ein Rucksack. Mein persönliches Schneckenhaus auf dem Rücken, fühlte ich mich so frei wie selten zuvor. Und trotzdem war ich nicht zuhause. Sondern in einem willkommenen Ausnahmezustand, in einer Insel auf Zeit. Heute hat sich meine Zügellust gelegt. Als ich vor 9 Monaten einmal mehr die Zügelkisten füllte und am neuen Ort wieder auspackte, überkam mich der Zügelkoller. Aus Lust war Überdruss geworden. Die Aufregung des Neuanfangs genoss ich bewusst zum vorläufig letzten Mal und gab mir selber das Versprechen, für lange Zeit zu bleiben. Vielleicht auch, weil ich mich endlich Zuhause fühle. Ich wohne im Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe und das ich nie aus den Augen verloren habe.

Andrew Largeman

aus Garden State:
Andrew: You know that point in your life when you realize the house you grew up in isn't really your home anymore? All of a sudden even though you have some place where you put your shit, that idea of home is gone.
Sam: I still feel at home in my house.
Andrew: You'll see one day when you move out it just sort of happens one day and it's gone. You feel like you can never get it back. It's like you feel homesick for a place that doesn't even exist. Maybe it's like this rite of passage, you know. You won't ever have this feeling again until you create a new idea of home for yourself, you know, for your kids, for the family you start, it's like a cycle or something. I don't know, but I miss the idea of it, you know. Maybe that's all family really is. A group of people that miss the same imaginary place.

Annemarie

ZUHAUSE - was für ein Wort! Den Inhalt und die Bedeutung des Wortes erfasst man erst, wenn man es in sich aufsaugt. Es gibt einem Ruhe, Geborgenheit, es beinhaltet etwas Geschlossenes. Es sagt aus: Ich bin persönlich angekommen, kann mich fallen lassen, ausruhen, ganz ungezwungen meinen Vorlieben nachgehen. Kann mich an dem erfreuen, was das Leben mir zugeteilt hat, meine geliebten Kinder, meine kleine Familie, mein Garten mit den wunderbaren Blumen, die je nach Jahreszeit ein sich änderndes Bild ergeben. Wie ist mir in meinem Zuhause, die mich umgebende Landschaft, mit den Kastanien bewachsenen Bergen, dem Duft der gärenden Trauben im Herbst, dem fruchtbaren Boden, der uns Jahr für Jahr ernährt, der Blick von den Bergen in die weite Ebene, so vertraut. Ja, ein Zuhause gibt mir Frieden......

Tomi Ungerer

aus Die Gedanken sind frei: Dem Elsässer ist das Wort "Heimat" lieber als "Vaterland". Die Kinder der Mutter Elsass, ständig von zwei eifersüchtigen Nachbarn abwechselnd vergewaltigt und gehätschelt, leiden an ihrer Identität: Franzosen? Deutsche? Das Elsass zeigt sich wie eine Kaiserschnittnarbe auf der Landkarte Europas, jetzt schön geflickt. Zwei Nationen wurden zusammengenäht, die sich seit Jahrhunderten um dieses Schlaraffenland gezankt haben.

In Berlin gab es eine Mauer. Im Elsass hatten wir drei: eine gallische, eine teutonische und eine Klagemauer. Denn die Elsässer klagen gern wie die Juden, und so heisst es in unserem Lied vom Hans im Schnokeloch Und was er hätt, das will er net, und was er will, das hätt er net.

Vor Jahren sagte ich noch, das Elsass sei wie eine Toilette, immer besetzt. Viel hat sich seither geändert, wir leben nicht mehr unter deutschen Stiefeln oder französischen Pantoffeln, sondern unter dem besternten Heiligenschein Europas.

Karin

Zuhause fühle ich mich, wenn mir meine nächste Umgebung ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Es bietet mir Sicherheit, Beistand, Geleit, aber auch Raum für Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Zuhause ist mit allen Sinnen wahrnehmbar, ist mehr ein Gefühl als ein Ort: Eine Behausung alleine erreicht nicht immer die Qualität eines Zuhauses und gleichzeitig ist die Erfüllung der oben genannten Bedürfnisse auch nicht zwingend an eine Unterkunft gebunden. Der ideale Wohnraum kann als Hülle zweifellos viel zu einem Zuhause beitragen. Letzteres wird er aber nur, wenn er mit Emotionen gefüllt wird. Zuhause für mich ist mehr Heimat als Bleibe, mehr Zufluchtsort als Wohnstätte.

Pedro Lenz

aus Der Goalie bin ig: Schummertal. Novämber. Und ig es Herz so schwär wienen alte nasse Bodelumpe. Hie bin ig ufgwachse. I han nüt angers chännt, drum isch es guet gsi. Am liebschte han i all Tag mit de Fründe tschutet.

Julie Otsuka

aus Wovon wir träumten: Tagsüber arbeiteten wir auf ihren Obstplantagen und Feldern, aber nachts, wenn wir schliefen, kehrten wir immer zurück nach Hause. Manchmal träumten wir, wir seien zurück im Dorf und rollten mit unserer Lieblingsastgabel einen Metallreifen die Street of Merchants hinunter. Ein andermal spielten wir unten am Fluss im Schilf Verstecken. Und ab und an sahen wir etwas vorbeitreiben. Ein rotes Seidenband, das wir vor Jahren verloren hatten. Ein gesprenkeltes blaues Ei. Das Holzkissen unserer Mutter. Eine Schildkröte, die uns weggelaufen war, als wir vier waren. Manchmal standen wir mit unserer älteren Schwester vor dem Spiegel, Ai, deren Name entweder „Liebe“ oder „Trauer“ bedeutete, je nachdem, wie man ihn schrieb, und sie flocht uns unsere Haare. „Stillgestanden!“, sagte sie. Und alles war so, wie es sein sollte.

Simon

Zuhause ist da wo ich entspannt und mit offener Tür auf’s Klo gehen kann.

Franziska

Zuhause ist für mich da, wo ich mich fallen lassen kann. Wo ich ich sein kann. Ich muss keine Rolle übernehmen, keine Erwartungen erfüllen, niemandem genügen. Nur zurücklehnen und ausspannen. Und grundsätzlich müssen dies keine vier Wände sein, sondern ich kann mich auch draussen im Wald oder am See "zuhause" fühlen. Sämtliche Grenzen fallen und ich fühle mich frei. Freiheit und trotzdem umgibt mich ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Dringt jemand in diesen "Raum" ein, der nicht erwünscht ist, kann dies mein Zuhause stören.

Grundsätzlich hat es im weitesten Sinne auch etwas mit Gewohnheit zu tun, denn ein neuer Ort an dem ich mich wohl fühle, reicht nicht aus, um es mein Zuhause zu nennen. Es ist ein Ort, den ich mit Erfahrungen aus der Vergangenheit verknüpfe, ich war bereits da und kenne das Gefühl, wie schön es da ist. Und darf mich in einer Sicherheit wähnen.

Das Zuhause kann je nachdem auch mit Personen verknüpft sein. Personen, welche mir vertraut sind, welche mir ebenfalls eine gewisse Sicherheit bieten und ich mich wohlfühlen kann. Müsste ich dem Begriff Zuhause eine Farbe geben, wäre dies Gelb. Gelb wie Wärme. Wie Freude. Wie Zufriedenheit. Und wäre es ein Song, dann wäre es eine schöne Ballade. Etwas ruhiges, tiefergreifendes, schönes, unbeschreibliches. Und wäre es eine Zahl, dann würde ich mich für die Eins entscheiden. Eins wie Ursprung und Start.

Zuhause ist etwas, wohin man gerne zurückkehrt. Oder sich zurückzieht.

Ulrike

Zuhause war ich fremd. Ich habe anders gesprochen. Mein Vater war in meinem zuhause auch nicht zuhause. Ich verdanke ihm Hochdeutsch. Vielleicht ist da Gefühl des Nicht-zuhause- Seins ja ererbt. Mit Hochdeutsch konnte zuhause sonst keiner viel anfangen. Und wenig mit Literatur, klassischer Musik, mit Bildern.

Ann

Es gibt dieses Gefühl, wenn man alleine in der Öffentlichkeit ist, in einem Café zum Beispiel. Alleine, aber umgeben von Menschen. Wenn man das jetzt auf eine Wohnung oder ein Haus anwendet, mich in ein Zimmer setzt, am besten im Bett, lesend, schreibend oder am Film schauen, draussen in der Wohnung oder dem Haus sind Leute, die ich mag und die ihrem eigenen Ding nachgehen, die Tür entweder geschlossen oder einen Spalt offen, wenn ich gute Laune habe: das ist für mich Zuhause.

Istvan

Zuhause fühle ich mich, wenn das Zuhause behaust ist und die Seinsordnung durch Worte der Liebe zum Klingen gebracht wird.

Michaela

Zuhause ist:

…wenn ich mich wohl und geborgen fühle sobald ich die Türe hinter mir schliesse.
…wenn Geruch und Wärme mich umfangen.
…wenn meine Lieblingsfarben, Möbel, Bilder und herrlichen Erinnerungen um mich herum sind.
…wenn ich weiss es leben andere Menschen, die dich mag, mit im Haus.
…wenn ich die ganze Welt draussen weiss und mich nur um das Innen kümmern muss.
…wenn ich meine eigenen vier Wände ganz und gar gestalten kann, wie ich möchte.
…wenn ich bestimmen kann wer, oder was herein kommen darf.
…wenn ich mich entspannen und tief schlafen kann, um andern Tags wieder dem Aussen zu begegnen.
…wenn aller Stress draussen bleibt.
…wenn sich Menschen im Haus für ein miteinander engagieren.
…dann gefährdet, wenn ich mich durch Drohnen oder sonstiges beobachtet fühle.
…ungemütlich, wenn ständig Umbauarbeiten im Haus stattfinden.

Nora

Mein erstes Zuhause ohne Erinnerung beginnt im Bauch meiner Mutter. Darauf folgt die Kindheit im sicheren Schoss der Familie. Danach wird es komplexer- die Identität wird definiert über die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Die Grundmauern die darauf bauen sind Freunde, Rituale, Gewohnheiten, feste Abläufe und Erfahrungen. Mit der Gründung der eigenen Familie gewinnt das Zuhause eine weitere Dimension.

Prägung, die eigene Ausrichtung, das Erleben und mich Umgebende sind die Bestandteile die mein Zuhause definieren. Wenn die Waagschale all dessen ausgeglichen ist, bin ich in mir Zuhause.

Thomas Mann

aus Buddenbrooks: «Tom», sagte sie und gewann ihrer Stimme, die den Tränen zu ersticken drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab.«Du weißt nicht, wie mir zu Mute ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester nicht gut ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf mich herabgegekommen, was sich nur ausdenken liess...ich weiss nicht, womit ich es verdient habe. Aber ich habe Alles hingenommen, ohne zu verzagen, Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit Weinschenk. Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stücke gehen liess, so war ich doch nicht ganz verloren. Ich wusste einen Ort, einen sicheren Hafen, sozusagen, wo ich zuhause und geborgen war, wohin ich mich flüchten konnte, vor allem Ungemach des Lebens... Auch jetzt noch, als doch alles zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren... „Mutter“, sagte ich, „dürfen wir zu dir ziehen?“ „Ja, Kinder kommt“... Als wir klein waren und „Kriegen“ spielten, Tom, da gab es immer ein „Mal“, ein abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in Not und Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte, sondern in Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war mein „Mal“ im Leben, Tom... Und nun.... und nun... verkaufen...»
Tony lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte bitterlich.

Ulrike

Ich war Weihnachten zuhause. Also in Weihnachten, wie in einem Ort. Ich habe als Kind Weihnachten geliebt. Sogar an die Geschichte geglaubt. Kirchenmusik in St. Georgen, heute noch das, wofür ich am ehesten ein zuhause-Gefühl aufbringen kann. Das Kirchenschiff ist nur von Kerzen erhellt, Gesang. Oft lag Schnee. Aus den Fenstern spiegeln sich Lichter im Weiß. Frisch gefallen, knirscht Schnee ganz eigentümlich unter den Stiefelsohlen. Als Erwachsene habe ich Jahre gebraucht zu verstehen, dass es nur mir so geht. Aufgeklärte Erwachsene empfinden beim Gedanken an Weihnachten kein Gefühl von zuhause. Oder sie sind nicht aufgeklärt. Wenn es auf Weihnachten zugeht, bedauere ich das Nicht-zuhause- gewesen-Sein. Manchmal auch im Sommer, aber Weihnachten eigentlich am meisten. Nie liegt Schnee an Weihnachten. Die Musik klingt anders. Wenn Berlin grau und matschig ist, vermisse ich die weißen Hänge. Zum Skifahren, aber auch zum Gucken. In der Stadt, wenn man nicht gerade auf einen Turm steigt, gelangt der Blick ja nur bis zur nächsten Straßenkreuzung. Es fehlt mir die Weite. Mal abgesehen von der Landschaft war an meinem ehemaligen Zuhause alles ziemlich eng. Das Dorf, die Freundschaften, die Horizonte. Enge Horizonte in weiter Landschaft. Bei der Bundestagswahl 2017 kam die AfD auf 29,2%.

Max Frisch

«Das Fremdeste, was man erleben kann, ist das Eigene einmal von Aussen gesehen.»

Diana Ross

aus It’s my house:
There's a welcome mat at the door
And if you come on in
You're gonna get much more
There's my chair
I put it there
Everything you see
Is with love and care

It's my house and I live here
(I wanna tell you)
It's my house and I live here

On the table, there sits a rose
Through every window
A little light flows
Books of feeling on the shelf above
'cause it was built for love
I was built for love

It's my house and I live here
(I wanna tell you)
It's my house and I live here

There's a candle to light the stairs
Where my dreams await someone to share
Oh, there's music on the radio
And good vibrations won't let me go
I put my name on the ceilin' above

Hanna

43 Jahre und 39 Umzüge später… Bin ich auf der Suche nach meinem Zuhause. Es ist nicht der grosszügige, auf Hochglanz polierte Singlehaushalt-82m2-Parkettboden, nicht die moderne Küchenausstattung, auch nicht die stilvolle Einrichtung oder die gen Sonne gerichtete Dachterrasse an der noblen Zürcher Goldküste. Es ist ein Stücke meiner Seele, welche ich während meiner 10-jährigen Auslandszeit, in den unterschiedlichsten Ländern und Daheimen, verloren habe. Viel zu selten sitze ich am Zürichsee, meinem geliebten See, und denke daran, wie beruhigend und tröstend es doch wäre, ein Daheim zu haben, wo ich ankommen und Wurzeln schlagen kann. Egal wieviel Umzüge und Länder noch auf mich warten. Ich habe die vielleicht etwas naive Zuversicht, dass irgendwo da draussen mein ganz persönliches Zuhause auf mich wartet, ungeduldig, wie ein aufmüpfiges kleines Kind. Wir werden uns finden, mein langersehntes Daheim und ich, daran zweifle ich beinahe keine Sekunde. Beinahe, wohlgemerkt. Wir werden gemeinsam lachen und weinen, mit Familie und Freunden Feste feiern, bis dass die entnervten Nachbarn wegen Ruhestörung die Polizei alarmieren. Wir werden uns vor dem ´Freund und Helfer´ reumütig zeigen und anschliessend Tränen lachen. Wir werden uns wie ein altes Ehepaar leidenschaftlich streiten, nur um uns im nächsten Augenblick voller Vergebung wieder in den Armen zu liegen. Was auch immer kommen mag, wir werden uns gegenseitig Trost spenden und Stütze sein, bis dass der Tod uns scheidet. Bis dahin legen wir uns abends schlafen, fernab (oder vielleicht doch nichtsahnend nahe?) voneinander, mit der etwas unsicheren Gewissheit, dass wir uns eines Tages finden und unsere Seelen Eins werden. So stelle ich mir das vor, zumindest in meinen Träumen. Schlaf gut, mein zukünftiges Zuhause.

Barbara

Bist du zu Hause?
Nein.
Wo denn?
Bei einem Freund.
Bei einem Freund?
Ja, bei einem Freund.
Du bist nicht…?
Nein, nicht.
Ich verstehe nicht…
… dass ich bei einem Freund…?
Ja.
… bei einem Freund bin?
Ja.
Bin ich aber.
Warum?
Weil ich ─ weil ich das will.
Was willst du denn?
Einfach nur, einfach nur für mich sein…
Aber das, das kannst du doch…
Eben nicht.
… doch zu Hause auch...
Nein, kann ich nicht.
Kannst du nicht.
Genau.
Kommst du denn…
Nein, ich komme nicht.
Schläfst du denn heute bei deinem Freund?
Ja.
Du musst zur Arbeit…
Gehe ich.
Ist aber weit!?
Und?
Wohnst du denn jetzt…
Ja.
… bei deinem Freund?
Sag ich doch.
Was soll ich denn nun machen…
Das musst du selber wissen…
Wo soll ich denn hin!
… nach Hause...
Nach Hause…
Nach Hause.
Ohne dich ─ bin ich ─ da ─ nicht zuhause.

Ulrike

Da, wo ich herkomme, war ich nicht zuhause. Das soll nicht falsch verstanden werden, ich habe ein sehr schönes Elternhaus und bin behütet aufgewachsen. Nur zuhause war ich zuhause nicht. Wenn zuhause ein Ort ist. Ein Haus. Eine Wohnung. Da, wo man lebt, wohin man geht, wenn man nach Hause geht. Wenn es also ein Ort ist, dann ist mein Elternhaus nicht mein Zuhause und war es auch nicht. Weil doch dieses Haus, diese Wohnung, dieses Zimmer ein eigenes sein soll, so zumindest verstehe ich es. Ein Ort, an dem man gern ist. Ich war da nicht gern, ich wollte weg. Nach Paris. Woandershin. Irgendwohin.

Daniel Schreiber

aus Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen

Warum ist es überhaupt so wichtig, ein Zuhause zu haben? Und was heisst es eigentlich, zuhause zu sein? Das Gefühl des Zuhauseseins ist eine paradoxe Emotion. Es gehört so grundsätzlich zu unserem Leben, dass wir kaum je darüber nachdenken- es sei denn, wir sind dazu gezwungen. Es ist an einen festen Ort gebunden, manchmal auch an mehrere, zugleich ist es weit mehr als nur ein Ort. Das, was ein «Zuhause» ausmacht, evoziert so viele Bilder, Erinnerungen und Erwartungen wie wenig anders, dennoch lässt es sch schwer benennen.

 

Yaa Gyasi

aus Homegoing: He could hear Marjorie laughing, and soon, he laughed too. When he finally reached her, she was moving just enough to keep her head above water. The black stone necklace rested just below her collarbone and Marcus watched the glints of gold come off it, shining in the sun.
„Here“, Marjorie said. „Have it.“ She lifted the stone from her neck and placed it around Marcus’s. „Welcome home.“

Johann Wolfgang von Goethe

aus Faust: Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

Christoph Türcke

aus Heimat. Eine Rehabilitierung

Was Zuhause/Heimat ist, lernt man erst, wenn man es verloren hat. Was uns als Kind vertraut war, bekommt im Lauf des Lebens eine utopische Note: Zuhause/Heimat wird zum Sehnsuchtsort.