Zuhause

Zuhause   

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Ein Dach, acht Zuhause

Man teilt die gleiche Adresse, die gleiche Haustüre, den gleichen Supermarkt, an dem man auf dem Heimweg nach der Arbeit das Nötigste einkauft. Man hat die gleichen Restaurants in der Nähe, den gleichen Park, in den es im Sommer am Wochenende sowieso die ganze Stadt zieht und sogar die Wohnungen, in denen man lebt, gleichen sich von Stockwerk zu Stockwerk.

Ein Mehrfamilienhaus versammelt die unterschiedlichsten Menschen auf dem wichtigsten gemeinsamen Nenner: ihr Zuhause. Das Zusammenleben in dieser Wohnform erfordert viel Toleranz für das Miteinander auf engstem Raum – so könnte man meinen. Doch auch eine Nachbarschaft, in der das kurze Zunicken am Briefkasten das äusserste der Gemeinschaftsgefühle ist, findet sich in solchen Zuhausen. Anonymisierung wie man sie grösseren Städten oft vorwirft, wird durch die Wohnstruktur begünstigt: je mehr Nachbarn man hat, desto weniger persönlich wird es.

Wir haben uns raus aus der Theorie und hinein in ein Haus gewagt. Sie teilen das gleiche Umfeld und das gleiche Dach, doch die Bewohner der acht Wohnungen wohnen nicht im selben Zuhause.

Erdgeschoss

Im Erdgeschoss reihen sich die uniformen Briefkästen aneinander, neun Stück insgesamt, mehr als es Wohnungen hat. Angeschrieben sind sie alle mit den gleichen Schildchen, einige Bewohner haben „Bitte keine Werbung“-Kleber angebracht. Die bunten Reklameheftchen hängen trotzdem aus jedem Briefschlitz, selbst aus dem Kasten, der niemandem gehört.

Die Treppe zum ersten Stockwerk ist noch aus Stein, bevor sie in den oberen Stockwerken in knarzendes Holz übergeht; typisch für Stadtzürcher Häuser. Das Geländer ist so abgegriffen, dass das schwere, dunkle Holz ganz glänzig geworden ist.

1. OG

Im ersten Stockwerk deutet nichts darauf hin, dass die Wohnungen tatsächlich belegt sind. Kein Fussabstreifer, keine Schuhe vor der Türe, die Feuerpolizei würde frohlocken.

Hier wohnen Andreas und Eduardo, der eine links vom Gang, der andere rechts.

Andreas wohnt alleine und hat sich zum ersten Mal eine eigene Couch gekauft. Dass sie noch nicht geliefert wurde macht ihm nicht so viel aus, denn neben den 14 Stunden Arbeit und seiner Fernbeziehung im Süden bleibt ihm gar nicht so viel Zeit, die er Zuhause verbringt.

Ich habe während meines Studiums verschiedene Austauschsemester gemacht und immer möbliert gewohnt und das hier ist die erste Wohnung, die wirklich mein Zuhause sein wird und wo ich länger als ein halbes Jahr bleiben werde. Die Gegend ist optimal für mich, die 20 Minuten Fussweg zur Arbeit laufe ich morgens gerne. Da treffen manchmal Welten auf einander, weil ich schon so früh unterwegs bin, dass die Letzten noch immer draussen unterwegs sind. Vor einigen Wochen habe ich beim Zähneputzen zwei gesehen, die definitiv noch im Ausgangmodus waren und sich im Hinterhof vergnügt haben. Das gefällt mir am Quartier, es fühlt sich manchmal so gar nicht nach Zürich an. Ansonsten verbringe ich viel Zeit bei meiner Freundin, die inzwischen im Süden wohnt und ein Hotel betreibt. Am Wochenende wohne ich meistens dort, helfe auch immer ein bisschen mit und habe dort dann auch nicht diesen Ruhepol, den man vom Zuhause erwarten würde. Ein bisschen Hotelfeeling haben wir hier aber auch, Eduardo von gegenüber hat sehr, sehr viele Gäste, ich glaube er vermietet die Wohnung mehr unter, als er tatsächlich da ist. Meine erste Amtshandlung war mir mein Traumsofa zu kaufen: Einen italienischen Klassiker – ein Maralunga – das schon meine Eltern hatten. In ein paar Wochen kommt es, aber ich bin jetzt schon stolz drauf. Mit der Tram zügeln liegt jetzt nicht mehr drin.

 

Beim genauen hinschauen fällt auf, dass der Flur vor Eduardos Wohnung doch nicht leer ist. Zwei einsame leere Bierflaschen stehen da, in der einen ist ein Stück Papier zusammengerollt. „Sorry, no idea where to put it :-( “ Es sind die letzten Relikte der Airbnb-Gäste, die das letzte Wochenende hier verbracht haben.

Es hat mich bisher noch nicht gestört Fremde bei mir wohnen zu lassen, von daher ist Airbnb die optimale Lösung für mich. Letztens gab es ein kleines Drama, als der Küchentisch eingekracht ist und ich nicht da war, aber Mia von oben hat zum Glück ausgeholfen. Ich hatte noch nicht sonderlich viel mit ihr zu tun, aber sie hatte als einzige Zeit, als ich allen Nachbarn geschrieben hatte. Ich lebe quasi die Hälfte der Zeit vom Monat in Spanien und die andere Hälfte hier, seit ich mich von meiner Frau getrennt habe. Aber wir haben es gut, nicht falsch verstehen! Wir haben drei Kinder, die, wenn ich im Land bin, öfter mal hier wohnen. Oder sie wohnt mit den Kleinen da, sofern mein Mitbewohner nicht hier ist. Der ist ein alter Freund, der auch geschäftlich ab und zu in der Stadt ist. Man richtet dann die Wohnung anders ein, legt sich nicht gerade Möbel zu, an denen man emotional stark hängt oder lässt wertvolles Zeug rumstehen. Zuhause ist für mich eher am Flughafen, als irgendwo anders.

2. OG

Mia klingt ja nett, denken wir uns, und machen uns weiter auf den Weg nach oben, um ihr einen Besuch abzustatten. Im Stockwerk obendrüber aber keine Spur von ihr, die Namensschilder verraten, hier wohnen Sum und Tanja hinter den beiden Wohnungstüren. Der Gang wird belebter, Schuhkästen und gebündelte Zeitungen und Magazine lassen auf lesefreudige Bewohner schliessen.

 

Ein paar Kleidungsstücke würden ihm eigentlich reichen, denn Anik braucht eher das bunte Treiben um ihn herum, als einen fixen Ort, um sich Zuhause zu fühlen. Seine Basis hat sich dennoch, seit er mit 17 bei den Eltern ausgezogen ist, in einem Umkreis von 2 Kilometern bewegt.

Mit dem Skaten hat alles angefangen. Darum war ich sowieso meistens in der Stadt unterwegs und selten bei den Eltern, die ein bisschen ausserhalb wohnen. Dass ich in die Stadt gezogen bin ist jetzt gut zehn Jahre, einige WGs und verschiedene Wohnungen her. Im Moment bin ich vielleicht zwei Mal pro Woche Zuhause, ansonsten hab ich ein Zimmer wo ich arbeite und wo ich sowieso gerade die meiste Zeit verbringe. Schlafen tue ich dann meistens bei meiner Freundin, oder irgendwo anders, wenn gerade Besuch bei mir Zuhause ist. Das kommt noch häufig vor, dass Freunde aus Berlin, London, New York oder irgendwo bei mir wohnen. Das ist allerdings nichts im Vergleich zu meiner letzten Wohnung, die wirklich gross war, da war eigentlich immer jemand zu Besuch. Und jeden Sonntag haben wir dann für alle gekocht – 10 bis 12 Leute. Auch jetzt ist die Wohnküche der Bereich, wo ich am meisten Zeit verbringe. Wenn ich gerade wen im Treppenhaus treffe, lade ich die Leute kurz auf einen Kaffee oder Bier oder Wein oder sonst etwas rein. Ist doch schöner, wenn man weiss wer die Leute, die mit einem wohnen, kennt. Solange Leute um mich rum sind, mit denen ich gut klarkomme, ich die Stadt kenne, mein Velo nehmen kann und mich auskenne, passt das für mich, dann fühle ich mich sofort Zuhause.

 

Alles was im Haus über dem Stockwerk liegt, in dem sie wohnt, ist für Tanja ein grosses Mysterium. Und auch sonst scheint sie einen Rhythmus zu haben, der sich von allen anderen Bewohnern unterscheidet, denn im Gang hat sie ausser Anik von gegenüber noch nie jemanden getroffen. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie die Hälfte des Monats in der Welt unterwegs ist.

Stimmt, bei Anik war ich gleich in der ersten Woche am Küchentisch gesessen. Ansonsten kenne ich das Haus aber quasi gar nicht, es fühlt sich so seltsam an, über das eigene Stockwerk hinaus weiter nach oben zu laufen, oder nicht? Bei ihm sah die Küche gleich so fertig aus, ich war ganz platt. Bei mir ist auch jetzt noch die ganze Büchersammlung im Keller in zwei riesigen Boxen verteilt. In meiner alten Wohnung hatte ich viele verschiedene Bücherregale, aber die haben irgendwie nicht in das neue Zuhause reingepasst. Jetzt habe ich einen Billy im Wohnzimmer, der mit einer wilden Mischung von Büchern bestückt ist, weil ich die erstbeste Kiste mit nach oben genommen habe und die war natürlich nicht geordnet. Es geht langsam voran mit dem Einrichten, ich bin einfach zu selten da. Ungefähr die Hälfte der Zeit bin ich für meinen Job am Reisen. Meine Güte, wenn man das überlegt ist das schon viel, eigentlich wäre ich lieber mehr Zuhause, muss ich sagen.

3. OG

Im Gegensatz zu Tanja wagen wir uns doch noch weiter hinauf und werden von leiser Musik empfangen, die aus der einen Türe kommt. Bingo, Mia. Und gegenüber wohnt Sum, dessen Türschwelle ihn mit den klitzekleinen Gummistiefeln verrät: er wohnt nicht alleine.

 

Sum lebt schon den grössten Teil seines Lebens in Zürich, doch die glücklichste Zeit hat er im Land seiner Vorfahren verbracht. Bis es von Krieg erschüttert wurde und er und seine Eltern zurück in die Schweiz gingen. Doch zurückgehen ist keine Option, irgendwie ist die Eidgenossenschaft doch mehr Zuhause, als er zugeben möchte.

Eigentlich wohne ich schon alleine, mein Sohn ist einfach mehrmals pro Woche da.

 

Sie haben 12 Stühle, aber keinen Küchentisch um den sie sie stellen können. Ansonsten passt Zuhause bei Mia und Florian alles recht gut. Und das, obwohl sie sich erst seit 2 Jahren kennen und über eine Anzeige im Internet zu ihrer WG gekommen sind.

Ich bin noch viel zuhause, Florian dafür fast gar nicht. Im Moment freelance ich und habe kein eigenes Büro, also arbeite ich von Zuhause, was mir langsam ein bisschen viel wird. Es gibt Tage, da merke ich am Abend, dass ich nicht mal vor die Tür gegangen bin, und ich will nicht die Stubenhockerin des Hauses werden. Letzthin habe ich Eduardo vom 1. OG mit seinen Airbnb-Leuten aushelfen müssen – meine Güte, die haben sich auch angestellt mit dem Tisch. Das war halt so ein Ikea-Teil, im Prinzip musste man nur wissen in welche Richtung die Beine verkeilt werden...egal. Unser Spezialgebiet sind eher Stühle, da hatte jeder von uns mehr als ein Set, als wir zusammengezogen sind. Vielleicht laden wir mal alle Nachbarn ein und spielen „Reise nach Jerusalem“ und erklären dabei, dass wir kein Pärli sind, das zusammen wohnt, sondern eine WG. Ich hatte gerade die Unterhaltung mit Peer von obendrüber.

4. OG

Als sie eingezogen sind, haben sie so ziemlich ihre ganze Einrichtung weggeworfen und ganz von vorn angefangen. Zumindest was das Interior betrifft, denn für Nancy und Peer ist das schon die vierte gemeinsame Wohnung. Doch die erste, in den niemand einen Bereich für sich hat.

Ich glaube von unserem Boxspringbett könnten wir uns nie trennen, es ist einfach zu bequem. Trotzdem würde ich das nicht als den Lieblingsort in der Wohnung bezeichnen, das wäre eher die Couch-Ecke, weil man von dort so eine schöne Sicht auf einen kleinen Zipfel Häuserdächer der Nachbarsgebäude und ganz viel Himmel hat. Im Sommer dann die Terrasse, die wir uns mit den Nachbarn von Gegenüber teilen. Mit ihnen haben wir schon einige Abende verbracht, das ist wirklich super mit ihnen, inzwischen haben wir sogar Schlüssel ausgetauscht, falls mal etwas sein sollte, während wir weg sind. Wir verbringen nämlich viel Zeit in unserem zweiten Zuhause, einer sehr minimalistischen Berghütte mitten in der Natur. Dass wir aus Platzgründen das meiste unserer alten Sachen verkaufen mussten, war überhaupt kein Problem. Es hat irgendwie sogar gut getan den alten Ballast loszuwerden und alles kleiner und ausgesuchter zusammenzustellen. Ausser der massive Holztisch, um den tat es mir ein bisschen leid. 

 

Patrick und Veronika sind zu zweit eingezogen, inzwischen sind sie zu dritt. Langsam können sie nicht mehr hören, wenn ihre Freunde sie fragen, wie das mit dem Kinderwagen, dem vierten Stock und dem fehlenden Aufzug im Haus klappt.

Ganz kurz hatten wir Zweifel, dass unsere alten Möbel in der modernen Wohnung komisch aussehen könnten. Teilweise sind sie aus dem 18. Jahrhundert und der Grundausbau ist ja dann doch ein ziemlich anderer. Aber irgendwie fügt sich alles recht gut zusammen, wie wir finden. Das hat auch viel damit zu tun, dass es alles belebt wird, wir haben mit der Geburt der Kleinen auf das Nötigste reduzieren müssen, um Platz für die ganzen neuen Sachen zu schaffen, die man braucht.

Nach einigen Stationen im Ausland, meistens recht grossen Städten, wohnen wir nun schon seit 12 Jahren in Zürich. Den Spirit der internationalen Metropolen haben wir am ehesten in diesem Viertel hier gefunden und möchten ihn uns auch erhalten. Er passt uns einfach; das ist unser Zuhause und soll es auch für unsere Tochter werden.